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Kein Sozialroman in Berlin

Es gab heute einen Moment, da spielte der Literaturprofessor und Panelmoderator John Mullan den Ball ins Publikum und fragte die anwesenden Anglistik-Akademikerinnen und Akademiker, wie es denn um den deutschen Sozialroman stünde. Ob es ihn gäbe. Der schottische Lyriker und Romanautor John Burnside hatte gerade gefragt, ob man ihn den wiederbeleben solle, so wie es Jonathan Franzen in seinem Essay „Why bother?“, erschienen 1996 im Harper’s Magazine, überlegt hätte. Schweigen. Ein schüchternes „Fontane?“ aus einer der vorderen Reihen. Weiteres Schweigen. Ich dachte kurz an Clemens Meyer.

Da sitzen wir nun alle in Berlin und verbringen viel Zeit damit, uns Dickens als einen Zeitgenossen vorzustellen, in dieser Stadt, die jetzt nur eine Million mehr Einwohner hat als London zu Dickens Zeiten, wo die im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten geringen Mieten noch immer ein beliebtes Kaffeepausengespräch sind, ebenso wie der prekäre Arbeitsmarkt, eine Stadt, die kaum Industrie hatte und hat, wo viele Fußwege so breit sind wie einige Alleyways in der britischen Hauptstadt, um nur ein paar der Unterschiede zu nennen. Es lässt sich einfach kein besonderer Bezug von Dickens zu Berlin oder Deutschland herstellen – auch wenn es die Dickens-Biographin Claire Tomalin in ihrer morgendlichen Einführung heroisch versuchte. (Für Interessierte: Dickens Werke wurden schon früh ins Deutsche übersetzt; Dickens schickte zwei seiner Söhne u.a. zum Deutschlernen nach Leipzig; Fontane und Dickens waren Nachbarn am Tavistock Square, jedoch sind sich beide nie begegnet).

Warum also über Dickens in Berlin nachdenken, obwohl Dickens wie kein anderer das London-Bild der Welt geprägt hat? Weil die deutsche Hauptstadt so europäisch-zentral liegt und mit Flügen gut zu erreichen ist? Weil der Tagungsbau, die Bertelsmann-Repräsentanz Unter den Linden 1, der sich architektonisch-historisierend an das Kommandantenhaus von 1873/4 anlehnt, eine vergangene (und eigentlich zerstörte) Epoche erinnert, nämlich das preußische Kaiserreich? Oder weil die deutsche Literatur gut ein paar social novels gebrauchen könnte, nachdem sie im 19. Jahrhundert in Romanform nicht mehr als “poetischen Realismus” mit gutmütigen Bürgern und Dorfidyllen hervorgebracht hat?

Es fällt schwer, sich Dickens in Berlin vorzustellen. Vielleicht sollte man es halten wie Philip Hensher. Er fragte, wo der viktorianische Autor heute schreiben würde. Und das wäre nicht in Europa (also auch nicht in Berlin), sondern in einem Land mit drastischen gesellschaftlichen Ungleichheiten – oder sollte man sagen: drastischeren? “I think, it is in China”, befand Hensher.

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